"Auf den Spuren der Serben Wien's"
Ein historisch-soziologisches Porträt


Univ. Lekt. Prof. Dr. Wolfgang Rohrbach

2. Die Beziehungen zwischen Serben und Wienern

Die Wiener haben ein ambivalentes Verhältnis zu den Serben. Zu den feinsinnigen, weltoffenen Serben, d.h. Intellektuellen und Künstlern (egal ob mit oder ohne österreichische Staatsbürgerschaft) gibt es gute bis ausgezeichnete Beziehungen. Auch jene bäuerlichen, offenherzigen Typen unter den Serben, die kinderliebend, hilfsbereit, gastfreundlich und ein bisschen naiv sind werden als ergebene und fleißige Dienstnehmer von den Wienern bzw. Österreichern geschätzt. Wenig beliebt sind hingegen jene Halbgebildeten; meist lautstarken oder provokanten Besserwisser, für die noch dazu die Regel gilt: Je weniger gebildet, desto nationalistischer.
Diese kleine, in unangenehmer Weise auffällige Gruppe wird meist von den gebildeten Serben Wiens genauso abgelehnt wie von den Wienern.

Der Pflege folkloristischer, sprachlicher und gastronomischer Traditionen dienen die jugoslawischen bzw. serbischen Clubs, von denen es einige sehr originelle in Wien gibt.

Zur Sonnenseite der Beziehungen zwischen Wienern und Serben zählt eine gemeinsame Vorliebe für serbische Speisen (würzige Suppen, gegrilltes Fleisch, gulaschartige Gerichte usw.). Aber auch im Hinblick auf Sport, Kunst, bestimmte Unterhaltungsprogramme, Hobbys usw. gibt es gemeinsame Interessen und Aktivitäten. Schließlich arbeiten auch Wiener und Serben in einer Reihe von Berufen und in der Wissenschaft gerne zusammen, weil die Anpassungsprobleme zwischen ihnen weit geringer sind, als z.B. zwischen so manchen Ost- und Westösterreichern bzw. Serben und anderen Slawen.

2.1. Völkerverbindende Tradition der Wiener Gaststätten

Zahlreiche Wiener Gaststätten und Heurigenlokale (soweit nicht reine Touristenstätten) bieten hinsichtlich der Struktur ihrer Gäste interessante Einblicke in die Art und das Verhalten der ethnischen Gruppen Wiens zueinander. Zunächst fällt auf, dass die Zahl der Urwiener Beiseln, auf deren Speisekarten sich Gerichte wie "Serbische Bohnensuppe", "Serbischer Karpfen", die zu "Èièi mit Beilage" mutierten Èevapèièi usw. finden, erstaunlich groß ist. Erstmals dürften diese Speisen im 18. Jahrhundert im damaligen von Serben besiedelten Wiener Vorort, Ratzenstadl, serviert worden sein. Nach Schleifung der Stadtmauern und Abbruch der ebenerdigen Hütten des Ratzenstadls (Mitte 19. Jahrhundert) verteilten sich die serbischen Familien über die ganze Wiener Stadt. Aus Darstellungen des im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts tätigen Publizisten, Theodor Stefanoviæ Vilovski, wissen wir, dass es nach dem Wiener Kongress (1814/15) bis ca. 1880 im 1. Bezirk der Residenzstadt eine große und angesehene serbische Kirchengemeinde in Nähe des Fleischmarktes gab, wo Serben gemeinsam mit den Wiener Griechen Gottesdienste besuchten. Als Stammlokal der Serben galt vornehmlich Maireders "Serbischer Gasthof", welcher sich in der Rotenturmstraße - im Eckhaus gegenüber dem Gasthaus "Österreichischer Hof" befand.
Sie suchten auch das Bierhaus "Zu den drei Raben" und das Schanklokal "Mirakelkeller" vis-a-vis des "Serbischen Gasthofs" auf.
Theodor Stefanoviæ Vilovski hat zahlreiche Zeugnisse betreffend das Leben der Wiener Serben hinterlassen. Sein zweifellos wichtigstes Werk ist das Buch "Die Serben im südlichen Ungarn, in Dalmatien, Bosnien und in der Herzegovina (Wien und Teschen 1884)".
Vorort "Ratzenstadl"

Der Vorort "Ratzenstadl",
den die Serben Wiens nach 1683 bewohnten.
In die Gasthäuser in Fleischmarktnähe kehrten die Serben im 19. Jahrhundert aber nicht nur nach den sonntäglichen Gottesdiensten ein. Sie feierten dort auch Geburtstage, Hochzeiten und andere Feste. Dass dabei häufig kostbare Juwelen an die Brautpaare, Jubilare und/oder die Kirche geschenkt wurden, beweist eine zeitgenössische Annonce, die in der Ausgabe Nr. 105 der Zeitung "Novine serbske" (vom Samstag, dem 29. Dezember 1817), Georgije Jovanov, "bürgerlicher Juwelier, Gold- und Silberschmied" mit folgenden Wortlaut aufgab: "Der Unterzeichner gibt sich die Ehre, dem Serbischen Geschlecht, und insbesondere den Herren Kaufleuten und allen Händlern, die nach Wien kommen, kundzutun, dass ich aus meinem Geschäft am ehemaligen Graben auf den Alten Fleischmarkt in das Haus 'Bey dem weissen Ochsen' No. 728 in den 3. Stock umgezogen bin. Auch weiterhin gehe ich meiner Arbeit nach und stelle kostbare Gegenstände aus Brillianten und Diamanten her, aber auch kirchliche und alle anderen, je nach Belieben, so wie ich dies auch früher getan habe."
Gasthof und Hotel "Zur Stadt London"

Gasthof und Hotel "Zur Stadt London"
auf dem Fleischmarkt, wo der
Schriftsteller P.P. Njego¹ 1847 logierte.

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der "Weisse Ochs" eines der vornehmsten Gasthäuser Wiens. In einem zeitgenössischen Bericht lobt Jean Charles (Braun von Braunthal) die gastronomischen Betriebe des Stadtzentrums: "Die Gasthäuser von Wien sind nicht so sehr ausgezeichnet durch Localität als durch Promptheit der Bedienung und durch die treffliche Küche. Man iszt nirgends so gut als in Wien."
Um fremden Gästen künftig auch Nächtigungsmöglichkeiten einzuräumen, wurde der "Weisse Ochs" im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts in ein größeres Haus nahe der Hauptmaut (heute Hotel Post) verlegt. Seit 1820 trug der Gasthof (nun am Fleischmarkt Nr. 28) die Bezeichnung "Zur Stadt London". (Vgl. Paul Harrer, Wien - seine Häuser, Menschen und Kultur. Maschingeschriebenes Manuskript, Stadtarchiv Wien, 1954)

Schriftsteller Petar Petrovic Njegos

Der Schriftsteller Petar Petroviæ Njego¹ nach einem Bild von Josip Tominz.

Wien war für die serbischen Besucher und Dauerbewohner aller Gesellschaftsschichten eine Stadt, in der man so richtig schlemmen und prassen konnte. Dazu gibt es aus der Metternich'schen Ära bzw. der Biedermeierzeit aufschlussreiche Dokumente. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Berichte der Polizeispitzel über den Aufenthalt des wohl berühmtesten serbischen Schriftstellers Petar Petroviæ Njego¹ und seines Neffen Ðorðe Petroviæ in Wien. In seinem Bericht vom 12. Februar 1837 schrieb ein Agent, der Njego¹ und seinen Neffen observierte, folgendes: "Sie Leben auf einem ziemlich grossen Fuss, machten bisher viele Einkäufe an Möbeln, Stoffen, besuchten die öffentlichen Unterhaltungsorte und gaben bisher zu keiner bedenklichen Wahrnehmung Anlass."

Weitere Einzelheiten über den Aufenthalt von Njego¹ in Wien in den Jahren 1846/47 stammen von seinem Sekretär Milorad Medakoviæ. Nach seiner Ankunft in Wien stieg Njego¹ zuerst im Gasthof "Zum schwarzen Adler" und später im Gasthof "Zur Kaiserin von Österreich" ab. Auf seinen Wunsch wurde für ihn eine Wohnung am Graben bei einer Baronin gemietet. In dieser Wohnung wurde er großformatig von dem Maler Uro¹ Kne¾eviæ porträtiert. Aus der Wohnung am Graben zog er ins Gasthaus "Zur Stadt London" auf dem Fleischmarkt, um von dort in die Leopoldstadt in eine Wohnung über dem Kaffeehaus "Stierböck" zu übersiedeln.

Im 19. Jahrhundert gab es aber auch zahlreiche andere Slawen(gruppen) in Wien: Polen Tschechen, Russen, Ukrainer, Slowaken, Kroaten und Slowenen. Die Wiener Atmosphäre half allen diesen Slawen, die hier ein zweites Zuhause fanden, verbindende Elemente zueinander auf- und auszubauen. Aus dieser Eigenheit heraus entwickelte sich ein spezifischer, vorwiegend kulturell orientierter Panslawismus in Wien (zum Unterschied vom politisch orientierten Panslawismus der Russen). Auch in diesem Zusammenhang waren es Gaststätten, die als völkerverbindende Plattform aller hier lebenden Slawen dienten. Ein markantes Beispiel für diese slawische Gegenseitigkeit ist die Versammlung, die am 6. November 1847 in der bekannten Leopoldstädter Gast- und Unterhaltungsstätte "Sperl" stattfand, in der auch Johann Strauß Vater und Sohn spielten. (Bartl F. Sinhuber, Zu Gast im alten Wien, München 1989) Wie einem zeitgenössischen Tagebuch (verfasst von F. R. Rieger) zu entnehmen ist, nahmen an dieser Versammlung die berühmtesten, damals in Wien weilenden Slawen teil: Der serbische Sprachwissenschafter Vuk Stefanoviæ Karad¾iæ, der Slowene und spätere Wiener Slawistikprofessor, Franz Miklosich, der russische Fürst Trubetzkoy, der Prager Slawist Dobrowsky, der serbische Fürst Milo¹ Obrenoviæ u.v.a. Bei Sperl fand damals auch ein Konzertabend statt. Es sangen zwei slawische Chöre und ebenso spielte eine Militärkapelle. F.R. Rieger wörtlich: "Doch als die Gäste langsam auseinander gingen, erklangen auf den Straßen slawische Lieder, sodass der Anschein entstand, dass die Slawen an diesem Abend Wien erobert hätten."

Übrigens gestaltete Fürst Milo¹ Obrenoviæ nach den Eindrücken, die er in Wien gewonnen hatte, ganze Stadtviertel in Belgrad; auch Gaststätten. Junge, talentierte Serben wurden zum Architekturstudium nach Wien geschickt.

2.2. ...auch heute

Auch heute ist (wie einst in der Monarchie) der in Wien als "regionales Zentrum" der Kommunikation und Konsumation beliebte "nahe gelegene Wirt" in vielen Fällen kein Wiener, ja nicht einmal ein Österreicher. Nicht selten ist er ein "Jugo" (so nennen die Wiener einen assimilierten Serben). Im Gasthaus bzw. Beisel selbst schafft meist das völkerverbindende Element des Sports erste Kommunikationskontakte zwischen Serben und Wienern. Der Umstand, dass in vielen Wiener Sportvereinen "Jugos" zu den Leistungsträgern zählen, verstärkt diesen Effekt in besonderer Weise. Die Tradition, dass nahezu jeder Wiener Mannschaftssportverein sein Stammbeisel hat, in welchem Siege ausgiebig gefeiert und Niederlagen heiß diskutiert werden, lässt den regionalen Sport zur "Weltpolitik" mutieren.

Der Weg zum "Du-Wort" ist dann meist der nächste Schritt. In weiterer Folge hat die auf solche Weise begründete "Beisl-Familie" oft ihre Fortsetzung in echten familiären Bindungen und/oder Arbeitsverhältnissen gefunden. Zu dieser Entwicklung trägt selbstverständlich eine Reihe ähnlicher Charakterzüge der Wiener und Serben bei. Beide Gruppen haben einen Hang zum ausgiebigen (und oft auch kostspieligen) Feiern; zumindest aber lädt man die anderen "auf eine Runde" ein.

Bindung schafft aber auch eine ganz spezifische Form des Selbstmitleides bei Serben und Wienern im Hinblick auf "kleine Sünden", Niederlagen usw.. Man sieht sich stets als Opfer und nie als Täter oder Verschulder. In Wien wurde freilich auch diese Eigenschaft in einem Heurigenlied verewigt, indem sich der Sänger für seinen "sündigen" Hang zum schönen Geschlecht und zum Wein mit den Worten entschuldigt: "Ich hab' die schönen Maderln nicht erfunden, der gute Wein ist auch net mein Patent...".Derartige Eigenschaften verfehlen freilich auch bei der Wahl des Lebenspartners ihre Wirkungen nicht und lassen den Wiener zur Serbin und den Serben zur Wienerin "finden".
In den letzten Jahrzehnten wurden in Wien Zehntausende Mischehen oder Lebensgemeinschaften zwischen SerbInnen und WienerInnen begründet. Der Kinderreichtum liegt in diesen Ehen über dem Wiener Durchschnitt, wodurch die Überalterung der Wiener Bevölkerung gedämpft wird, aber auch Sportvereine und Berufe Zuwachs an jungen Menschen erhalten. Diese Kinder können - bei entsprechender Bildung - die ethnischen Gegensätze zwischen Serben und Wienern weiter senken; zumal keine der beiden Gruppen zu Gettobildungen tendiert.

2.3. Wienorientierte Serben

Interessant ist, dass in Mischehen häufig der serbische Elternteil darauf drängt, den Kindern eine hochwertige, womöglich universitäre Bildung in Wien angedeihen zu lassen. Ein Grund dafür ist, dass daheim in Serbien das Flair der ehemaligen Kaiserstadt Wien auch heute noch besonders stark wirkt.

Die Faszination, die von Wien auf Serben und andere Slawen ausstrahlt(e), war bzw. ist eine gewisse multikulturelle bzw. internationale Struktur (Restaurants, Clubs, Kaufläden etc.), die das Leben hier so bunt macht(e). Schon vor rund zweieinhalb Jahrhunderten boten armenische, russische, griechische und serbische Kaufleute kostbare Waren aus dem Orient an und exportierten andererseits insbesondere seit Kaiserin Maria Theresia und Joseph II Wiener Porzellan, Musikinstrumente, Wiener Schmuckstücke, Möbel auf der Donau usw. in den Orient. Auch Kunstbücher sowie wissenschaftliche Werke wurden exportiert. Die österreichischen Monarchen schätzten die fremden Kaufleute, Juweliere, Verleger, Bauherren usw. die ungeheure Reichtümer in Wien anhäuften, hohe Steuerleistungen erbrachten und großzügig Spenden für die Armen der Residenzstadt tätigten.

Die serbischen Bewohner Wiens pflegten überaus rege geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen zu den griechischen Aramunen (Zinzaren). Sie verband derselbe Glaube, zumal sie ja gleichzeitig bis ins letzte Quartal des 19. Jahrhunderts dieselben Gotteshäuser besuchten. Dejan Medakovic kommentiert diese Beziehung: "Es handelte sich um eine außerordentliche geistige Einigkeit, deren Grundlage die gemeinsame orientalisch-orthodoxe Religion bildete. Auf diese Weise schufen die Serben und die griechischen Aramunen im Rahmen des Wiener Kulturmosaiks eine besondere kulturelle Schicht, deren Vertreter dank ihres Fleißes und ihrer kaufmännischen Geschicklichkeit sehr schnell auch in die höchsten gesellschaftlichen Schichten des österreichischen Staates aufsteigen konnten. Diesen Menschen bot sich die Gelegenheit, auch in den Adelsstand erhoben zu werden, sei es auf Grund militärischer Verdienste in den zahlreichen Kriegen oder aber auf Grund ihres Grundbesitzes."

Eine wahre Inkarnation dieser Beziehungen stellt die Sina-Dynastie dar. Die Repräsentanten dieser Kaufmanns- und Bankierfamilie werden in den Quellen sowohl als mazedonische Griechen als auch als mazedonische Serben bezeichnet. Die Familie stammte aus Thessaloniki, hielt sich aber seit der Mitte des 18. Jahrhunderts großteils in Sarajewo bzw. Nisch auf.

Der 1753 in Sarajewo geborene Kaufmann Simon Georg Sina d. Ältere, kam um 1800 mit seiner Familie nach Wien. Er schuf sich durch den Import bzw. Transithandel von Tabak einen erheblichen Reichtum und steigerte wesentlich den Außenhandel Österreichs mit der Türkei. 1818 wurde er in den ungarischen Adelsstand erhoben. Selbst im Palais Sina am Hohen Markt Nr. 9 wohnend, erwarb er für seinen in Bank- und Handelsgeschäften äußerst versierten Sohn aus erster Ehe, Georg Simon Sina (geb. 1783 in Nisch), die alten Häuser Nr. 689-693 am Fleischmarkt. Der Plan, an Stelle der alten Häuser ein stattliches Wohn- und Bankhaus zu errichten, konnte aber erst durch den Sohn verwirklicht werden, denn der Vater Simon Georg Sina d. Ä. starb 1822 (69-jährig).
Schon wenige Monate nach dem Tode des Vaters baute Georg Simon S. sein Bank- und Handelsimperium auf.

Vornehme Geschäftspartner trafen einander schon damals gern in den in Mode gekommenen Cafehäusern Wiens. Deshalb entstand 1829 auf Anregung des Bankiers auch in seinem eigenen Haus am Fleischmarkt Nr. 20/22 ein Cafe. Wie es dazu kam, schildert Paul Harrer in seinem Werk "Wien - seine Häuser, Menschen und Kultur" folgend: "1829 wurde das 'griechische Kaffeehaus' seit 1827 im Besitze des Herrn Kappelmayer, vom 'weissen Ochsen' hierher verlegt, das 1840 noch als 'das griechische' galt". Der gastronomische Betrieb existiert bis heute. Es ist das Cafe-Restaurant VIENNE, in welchem oberhalb der Schank das Bild G.S. Sinas zu sehen ist.

Baron G.S. Sina galt (nach Salomon Rothschild; gest. 1855) als der zweitreichste Mann Österreichs. Doch er ließ auch weniger Glückliche von seinem Reichtum profitieren. Seine Spende an Kriegsinvalide, bzw. an Not leidende Menschen, sind ebenso erwähnenswert wie seine finanzielle Hilfe im Unabhängigkeitskampf der Balkanvölker gegen die türkische Herrschaft.
Gewiss verdankte der Bankier, der auch einer der bekanntesten Generalagenten der aufstrebenden altösterreichischen Assekuranz wurde, seinen Reichtum Geschäftsbeziehungen mit den griechischen und serbischen Kaufleuten. Aber auch hier setzte G.S. Sina ein großzügiges Zeichen. Er hinterließ ein Vermögen von 50 Millionen Gulden für die griechisch-serbisch orthodoxe Kirche in Wien und ihre Gemeinde. Nach dem Tode G.S. Sina (1856) ging die Bank auf Simon Georg S. den Jüngeren (1810-1876) über. Dieser dankte den Griechen ihre Treue als Geschäftspartner und Freunde, indem er im Jahr 1858 zur Gänze aus eigenen Mitteln den Bau der griechischen Kirche am Fleischmarkt finanzierte. Eine Marmortafel in der griechischen Kirche erinnert an diese Stiftung des Bankiers Simon G. Freiherr von Sina, der in seiner Funktion als königlich griechischer Gesandter den Sakralbau durch den berühmten Architekten Teophil Hansen erweitern ließ. (Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 5)

In dieser Zeit gab es schon deutliche Bestrebungen der Serben, eine eigene Kirche in Wien zu errichten. Dass ab dieser Zeit vorwiegend von einer griechischen und nicht mehr griechisch-serbischen Kirche gesprochen wurde, hatte auch taktische Gründe und änderte nichts an den positiven Beziehungen zwischen Griechen und Serben.

Aber nicht nur der Handel und das Gewerbe zog Fremde nach Wien. Auch die Wiener Universität und die Militärakademie in Wiener Neustadt wirkten wie Magneten auf wohlhabende Ausländer. Diese errichteten im 18. und 19. Jahrhundert eine große Zahl stattlicher Bürgerhäuser oder prunkvoller Palais als ihre Wohnstätten in der Residenzstadt. Der Serbischen Zeitung (Nr. 104 vom 28.12.1818) ist zu entnehmen, dass für die Serben die Wiener Universität seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ein attraktives Zentrum für Studien verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen war. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts taten sich besonders serbische Medizinstudenten hervor.

serbische Basketballspieler
Auch heute ist für Serben die Kombination des Studiums an der Universität Wien mit einer Sportkarriere sowie Familiengründung in Wien ein attraktives Ziel. Im Bild (Mitte) der Bundesliga-Basketballspieler und Student Zoran Obradoviæ
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2.4. Multikulturelle Kaiserstadt

Wenngleich die Amtssprache Deutsch in Wien gepflegt und hochgehalten wurde, legten die österreichischen Monarchen doch auch großen Wert darauf, dass in Wien bei allen ansässigen Nationen jederzeit die Wichtigkeit der einzelnen Volkssprachen erkannt werde. Das hatte seinen guten Grund, da bei rund 50 % der Wiener Großbürger und Adeligen- beim Mittelstand lang die Quote niedriger - die Volkssprache nicht Deutsch war. Trotzdem wurden auch diese Menschen als voll integrierte österreichische Untertanen behandelt. Dadurch wurden Einbürgerung, Assimilierung statt Entfremdung, Überfremdung, Ausgliederung in Wien praktiziert. Es galten die Erkenntnisse, die der Literaturwissenschafter Friedrich Schlegel 1812 in eine Vorlesung an der Wiener Universität mit den Worten umriss: "Eine Nation, deren Sprache verwildert oder in einem rohen Zustand erhalten wird, muss selbst barbarisch und roh werden. Eine Nation, die sich ihre Sprache rauben lässt, verliert die Hälfte ihrer geistigen inneren Selbständigkeit und hört eigentlich auf zu existieren."

Da Menschen stets eine Urangst haben, in dieser Weise ihre Existenz aufgeben zu müssen, können nationalistische Demagogen hier so leicht Zwietracht säen und Fremdenhass schüren. (Vgl. Karl Kraus: "Der Patriotismus ist des Halunken letzte Zuflucht") Um dies zu verhindern, handelten die Monarchen in Wien kosmopolitisch weise. So erwirkte etwa Kaiserin Maria Theresia durch die Erlaubnis, dass Serben schon zwischen 1741 und 1745 in Wien eigene Bücher in zyrillischer Sprache drucken lassen durften und dass 1766 den Serben sogar das Privileg zugestanden wurde, eine eigene Druckerei in Wien unterhalten zu dürfen, große Anerkennung und staatsbürgerliche Treue. Der Volkskaiser Joseph II war in dieser Hinsicht noch großzügiger. Aber auch sein Bruder und Nachfolger, Kaiser Leopold II, brach nicht mit dieser Tradition und genehmigte 1791 die Herausgabe der ersten Serbischen Zeitung, die nach dem Vorbild der "Wiener Zeitung" aufgebaut war. Sie wurde zunächst noch in Kirchenslawisch geschrieben, weil die Südslawen damals keine andere Schriftsprache hatten. Erst 1817 schrieb als erster Redakteur Vuk Karad¾iæ in "Serbisch" seine Artikel.

Wie das Flair Wiens auf einen Serben der gehobenen Schicht im letzten Quartal des 18. Jahrhunderts in Wien wirkte, beschreibt der Dichter Dositej Obradoviæ, der das erste Mal von 1771 bis 1776 und danach von 1785 bis 1787 in der Residenzstadt weilte: "Sechs arbeitssame und von Freude erfüllte Jahre vergingen in Wien wie sechs Tage. Maßvoll lebend, hatte ich niemals einen Grund, krank zu sein. Unentwegt in angenehmer Gesellschaft, wobei ich entweder andere unterrichtete oder meine eigenen Lektionen lernte, erschienen mir die Tage nur sonn- und feiertags etwas zu lang. Meiner Auffassung und Denkweise nach musste ich mich in einer so schönen Stadt, wie es Wien ist, einfach wohl fühlen. Während ich meiner Arbeit und meinen Pflichten nachging, hatte ich das Gefühl, absolut frei und unabhängig zu sein, da ich niemandem Rechenschaft ablegen musste. Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Stadt Wien mir gehört, da ich in ihr umherspazieren konnte, soviel ich Lust hatte. Der Augarten der Prater, sowie alle umliegenden Wälder und Wiesen waren in meiner Gewalt."

Von dem großen Volkskaiser und Reformer Joseph II war D. Obradoviæ geradezu begeistert. Der Historiker Dejan Medakoviæ bemerkt ("Serben in Wien", Seite 193) dazu: "Im Hintergrund von Dositejs Sympathien für den Kaiser standen sicherlich auch patriotische Beweggründe, da er überzeugt war, dass Joseph II auch die Serben in Serbien von der türkischen Herrschaft befreien würde. In seinem dichterisch verfassten Treueschwur wandte sich Dositej mit folgender Bitte an den Kaiser: 'Oh, du heilige Krone, oh Du Joseph der Große, breite Deine Gnade über das serbische Geschlecht aus. Über das arme Serbien und Bosnien, die unsägliche Qualen leiden...'"

Dositej Obradovic

Der Dichter
Dositej Obradoviæ
(Bildkopie nach A. Theodoroviæ)
Vuk Stefanovic Karadzic

Der Sprachwissenschaftler und Literat Vuk Stefanoviæ Karad¾iæ. (Der Klub Jedinstvo in der Praterstraße besitzt eine Bildkopie)

Immer stärker fühlen sich auch andere Slawen seit Joseph II zu Wien hingezogen. Diese Begeisterung der Slawen nutzte Jernej Kopitar (gest. 1844), Wien im Vormärz zu einem starken slawistischen Zentrum zu machen.

Über den wohl berühmtesten Serben, der je in Wien lebte, den Sprachwissenschafter Vuk Stefanovic Karad¾iæ sind wir am besten informiert. Es existiert eine umfangreiche Literatur, die sich mit Vuks Aufenthalt in Wien befasst. In dieser Stadt verbrachte Vuk volle fünfzig Jahre, in dieser Stadt formulierte und verwirklichte er sein großes literarisches, politisches und wissenschaftliches Programm. Hier gründete er seine Familie, wechselte zweiundzwanzig Mal die Wohnung, was mehr als deutlich auch über seine ständigen finanziellen Nöte spricht. Dank der großen und freundschaftlichen Fürsorge des Wissenschaftlers Jernej Kopitar, begann ein neues Kapitel in Vuks Leben. Der Flüchtling aus Serbien, der sich an einem Aufstand gegen die Osmanen beteiligt hatte, wurde in Wien mit großer Hochachtung empfangen. Der weise Kopitar erkannte sofort das außergewöhnliche Talent seines jungen Freundes Vuk, während die Unterstützung, die er ihm unaufhörlich zukommen ließ, Vuks Fähigkeiten und seine riesige schöpferische Kraft zur Entfaltung brachte.

Schließlich erlangte Vuk Weltruhm, und zwar dank Wiens bzw. dank Jernej Kopitar. Es wäre nicht übertrieben, zu sagen, dass von allen Serben, die über kurz oder lang in der kaiserlichen Residenzstadt geweilt haben, lediglich Vuk Stefanovic Karad¾iæ ein echter Wiener wurde. Er wurde in vollem Maße "eingewienert".
Wien war der Ausgangspunkt für seinen unermüdlichen und kompromisslosen Kampf für die serbische Sprache, doch auch der erfolgreiche Abschluss dieses Kampfes wurde in dieser Stadt gekrönt, und war durch die Veröffentlichung seiner wichtigsten Werke.

An erster Stelle steht zweifelsohne sein "Srpski rjeènik" (Serbisches Wörterbuch), welches 1818 in der Druckerei des armenischen Klosters der Mechitaristen gedruckt wurde und damit nicht nur der Entwicklung der modernen serbischen Literatursprache, sondern auch der neuen serbischen Literatur den Weg geebnet hat. 1818 erschien aber auch Vuks Serbische Grammatik, die von Jacob Grimm ins Deutsche übersetzt wurde.
1827 veröffentlichte Vuk in der Zeitschrift "Danica" den Text "Ogled srpskog bukvara" (Versuch einer serbischen Fibel), sowie das überaus wichtige Werk "Geografièesko-statistièesko opisanie Srbije" (Geographisch-statistische Beschreibung Serbiens).
1847 wurde in der Druckerei der Mechitaristen übrigens auch das größte poetische Werk der serbischen Literatur "Gorski vijenac" (Der Bergkranz) von Petar Petroviæ Njego¹ gedruckt, dessen zweite Ausgabe1876 ebenfalls von den Mechitaristen gedruckt wurde.

Das sind nur einige Kostproben aus dem literarischen Schaffen der Serben in Wien.

Eine Reihe berühmter serbischer Wissenschaftler, Künstler und Wirtschaftstreibender, die in Wien studiert hatten, wirkten auch im 19. Jahrhundert in der Kaiserstadt. D. Mekadoviæ unterstreicht die Bedeutung der Medizinischen Fakultät: "Die Medizinische Fakultät in Wien übte einen starken Einfluss auch auf die Entwicklung der Medizinwissenschaft in Serbien aus. Obwohl eine große Anzahl von serbischen Studenten auch in anderen europäischen Zentren weilte, und insbesondere in Russland und in Frankreich, so kann sich ihre Zahl dennoch nicht mit jener Anzahl von Studenten messen, die sich ihr Wissen in Wien angeeigneten." Diese Tradition setzte sich abgeschwächt auch im Tito-Jugoslawien fort. Übrigens diente ja auch Tito selbst in jungen Jahren in der Armee der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und lernte dort offensichtlich, wie man ein Staatsvolk, das aus unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen besteht, völkerverbindend regiert. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche serbisch-kroatische Mischehen und verstärkte Aktivitäten der Universität Wien (Slawistik) im Bereich der serbokroatischen Sprache.

Kaffehaus Stierböck - gestochene Neujahrskarte

Gestochene Neujahrskarte des Kaffeehauses Stierböck, (heute UNIQA
Gen. Dion. Praterstraße 1-7). Um 1825 errichtete Jakob Stierböck in der Leopoldstadt ein so luxuriös ausgestattetes Kaffeehaus, dass es lange Zeit das Gesprächsthema Wiens blieb. Es diente Schöngeistern als Treffpunkt und wurde auch von Kaufleuten stark besucht, die hier ihre Geschäfte abwickelten. 1847 wohnte P.P. Njego¹ einige Monate in einer Wohnung oberhalb des Cafes, das er täglich besuchte.


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